"In mir wohnt eine Sonne" in Müllheim am 10. 4. 2014

Kinder stark machen, sich für Kinder stark machen: Sonja Blattmann (stehend) und Karin Derks (mit Akkordeon) mit Schülern. Foto: Ehrlich

"Emotionaler Speck auf den Rippen"
Sonja Blattmann und Karin Derks bezaubern Kinder mit ihren Liedern und lehren sie dabei etwas.

 

MÜLLHEIM (hrl). "Die kleine Hexe sitzt in ihrem Wolkenschloss...", singt Sonja Blattmann, begleitet von Karin Derks am Akkordeon. Die kleine Hexe kann es blitzen und grollend donnern lassen. Was aber soll sie tun, wenn ihr Verwandte unangenehm nah auf die Pelle rücken?

Die Geschichten von Sonja Blattmann kommen meistens als Lieder daher. Auf die Kinder wirkt das elektrisierend: Zum Mitmachen müssen sie kaum aufgefordert werden. Doch während die Lage im Fall der kleinen Hexe klar scheint, ist sie für die Kinder in der Geschichte vom kleinen Indianer weniger deutlich erkennbar. Soll er dem andern Buben nicht 50 Cent geben, damit dieser nichts weitersagt vom Pipi-Malheur? Die Kinder sagen spontan ja, Sonja Blattmann muss ihnen auf die Sprünge helfen: "Und wenn er morgen wieder kommt und noch einmal 50 Cent will, damit er auch dann nichts sagt? – Dann hört die Sache ja nie auf!"

Die beiden in Kandern ansässigen Präventions-Aktivistinnen wollen mit den Mitteln ihres (Mitmach-)Theaters MuT den Kindern "emotionalen Speck auf die Rippen" mitgeben, ein Rüstzeug, um damit stark durchs Leben zu gehen. Sie lassen die Kinder Stellung beziehen. Eine ganze Palette von Situationen präsentieren sie, in die jedes Kind bestimmt einmal kommt: die Zurückweisung einer Freundin, die den Nachmittag mit einem anderen Mädchen verbringen will – die hat sie nämlich in den Europa-Park eingeladen. Ganz schön unfair, finden die Kinder. Und dann haben sie sich auch noch angeschrien! Die Sonne im Bauch – Blattmanns und Derks Symbol für innere Stärke und Widerstandskraft – ist in solchen Momenten ganz klein, wie schön, wenn man sich entschuldigt und sie wieder ganz groß werden kann.

Nein sagen, Grenzen setzen, Hilfe holen, auf seine Gefühle hören – was Kinder alles tun können, wird im "Kinderschutz-Rap" noch einmal in kurzen rhythmischen Reimen wiederholt. Doch Blattmann und Derks, beide mit jahrelanger Erfahrung in der Präventionsarbeit, insbesondere zum Thema sexualisierte Gewalt an Kindern, entlassen die Erwachsenen nicht aus ihrer Pflicht.

"Die Erwachsenen müssen die Kinder schützen und motivieren. Das ist eine gesellschaftliche Aufgabe", sagt Karin Derks. "Wir müssen uns fragen: Was können wir für den Schutz von Kindern tun, ohne ihnen Angst zu machen?", fordert Sonja Blattmann. Dass bei Kindern in Umfragen heute die Angst vor Entführung und Vergewaltigungen gleich nach Krieg ganz oben steht, noch vor der Trennung der Eltern, sehen sie mit Sorge. Die mediale Dauerpräsenz dieses Themas mache den Kindern Angst – was ihre Widerstandskraft schwächt – stumpfe sie aber auch ab gegenüber ihrer eigenen, viel subtileren Gefühlswahrnehmung. Die Sonne im Bauch kann insofern ein guter Ratgeber sein, wann es gut ist, sich einem Erwachsenen anzuvertrauen.


Die Präventionswoche
endet heute, Freitag, im Rathausfoyer mit der Finissage der von Viertklässlern gemalten Bilder, die dabei prämiert werden. Beginn: 10.30 Uhr. Abends, 20 Uhr, gibt es in der Eki dann noch "Gewaltprävention – Babymassage", Anmeldung unter  07631/13508.

Badische Zeitung, Müllheim  11. April 2014